Sehübungen sind bewusst gelenkte Wahrnehmungsübungen, bei denen Lernende angeleitet werden, ihre Umwelt, Kunstwerke, Bilder oder symbolische Gegenstände intensiv und achtsam zu betrachten. Ziel ist es, das Sehen als Form der Erkenntnis, der Deutung und des spirituellen Zugangs zu schulen. In einer oft reizüberfluteten Lebenswelt fördern Sehübungen die Fähigkeit, innezuhalten, zu schauen und Bedeutung zu entdecken.
Für angehende Lehrkräfte ist die Methode ein wertvolles Instrument, um symbolisches Denken, ästhetische Wahrnehmung und spirituelle Erfahrung im Religionsunterricht methodisch anzuleiten.
1. Zielsetzung und Kompetenzen
Sehübungen im RU fördern:
- Wahrnehmungskompetenz: genaues Hinsehen, differenziertes Beobachten
- Symbolkompetenz: Bedeutung in Formen, Farben, Haltungen und Details erkennen
- Deutungskompetenz: eigene Wahrnehmungen in religiöse oder ethische Kontexte einordnen
- Sprachfähigkeit: Wahrgenommenes beschreiben, benennen und deuten
- Achtsamkeit und Präsenz: Ruhe, Aufmerksamkeit und innere Beteiligung fördern
- Spirituelle Sensibilität: Offenheit für Transzendenz, Geheimnis und Schönheit
2. Didaktischer Mehrwert im Religionsunterricht
Sehübungen sind besonders geeignet, wenn:
- religiöse Symbole oder Kunstwerke entschlüsselt werden sollen
- ein Raum für Stille, Konzentration und Entschleunigung geschaffen werden soll
- Bilder als Ausdruck von Glauben und Erfahrung erschlossen werden
- Schüler:innen darin unterstützt werden sollen, ihre Wahrnehmung zu vertiefen und zu reflektieren
- das Ziel besteht, ästhetische und spirituelle Bildung zu verbinden
3. Methodischer Ablauf
a) Auswahl des Objekts oder Bildes
Geeignete Objekte sind z. B.:
- Kunstwerke (klassisch oder modern)
- Fotografien, biblische Bilder, Ikonen
- liturgische Gegenstände, Kirchenräume
- Naturphänomene (z. B. Licht, Bäume, Himmel)
b) Anleitung zur Sehübung
Die Lehrkraft leitet die Schüler:innen in ruhiger Atmosphäre zum Sehen an. Mögliche Impulse:
- „Was siehst du – ohne zu bewerten?“
- „Welche Farben, Formen, Strukturen nimmst du wahr?“
- „Was passiert mit dir, wenn du länger hinsiehst?“
Dauer: 3–5 Minuten bewusstes, stilles Betrachten
c) Austausch und Deutung
Nach dem Sehen folgt eine Reflexionsphase:
- Was ist dir aufgefallen, was vorher verborgen war?
- Was ruft das Bild oder Objekt in dir hervor – Gefühle, Gedanken, Erinnerungen?
- Welche religiöse Bedeutung könnte darin liegen?
Optional: Verbindung zu Bibelstellen, Gedichten, Musik oder Gebeten
4. Praktische Hinweise zur Umsetzung
- Ruhige Atmosphäre vorbereiten: abgedunkelter Raum, Musik, Sitzkreis, Bildprojektion
- Konkret und offen anleiten: Anleitung nicht überfrachten, aber gezielt lenken
- Sehprozess ernst nehmen: Zeit geben, nicht drängen
- Deutungsfreiheit zulassen: Verschiedene Wahrnehmungen sind erwünscht
- Reflexionsphasen strukturieren: z. B. mit Schreibimpulsen, Karten, Gesprächsfragen
- Kombination mit anderen Methoden: z. B. Bildmeditation, Standbild, kreative Umsetzung
5. Mögliche Themenfelder im Religionsunterricht
| Thema | Beispielhafte Sehübung |
|---|---|
| Gottesbilder | Ikonen oder Gemälde zu Jesus, Gott, Dreifaltigkeit betrachten |
| Schöpfung | Naturbild oder Baum im Schulhof achtsam betrachten |
| Passion und Ostern | Kunstwerke zu Kreuzigung und Auferstehung analysieren |
| Hoffnung | Lichtbilder, Fenster, leuchtende Farben meditativ erschließen |
| Gebet und Stille | Raumgestaltung in Kirchen, Symbole wie Kerzen oder Altar betrachten |
| Symbole | Bilder mit Taube, Fisch, Kreuz – Bedeutung entdecken lassen |
| Prophetie und Gesellschaft | Zeitgenössische Bilder mit sozialem Anspruch reflektieren |
| Interreligiöser Dialog | Gebetsräume, rituelle Gegenstände anderer Religionen betrachten |
6. Fazit
Sehübungen laden im Religionsunterricht dazu ein, das Sehen als Zugang zur Welt, zum Selbst und zum Glauben einzuüben. Sie ermöglichen einen stillen, achtsamen, aber tiefgründigen Zugang zu religiösen Bildern und Symbolen und fördern die Fähigkeit, das Unsichtbare im Sichtbaren zu entdecken. Für Lehrkräfte in Ausbildung ist diese Methode ein wirksames Instrument zur Schulung spiritueller und ästhetischer Bildung, das unaufwendig, aber nachhaltig eingesetzt werden kann.


