Standbild

Das Standbild ist eine körperlich-expressive Methode, bei der Schüler:innen mit ihren Körpern eine bestimmte Szene, Stimmung oder Haltung bildlich und wortlos darstellen. Diese eingefrorenen „Szenen“ dienen als Ausgangspunkt für gemeinsames Deuten, Nachdenken und Diskutieren – etwa zu biblischen Geschichten, ethischen Konflikten oder spirituellen Fragen.

Für Lehrkräfte in Ausbildung bietet das Standbild eine ganzheitliche, handlungsorientierte Methode, die emotionale, soziale und kognitive Lernprozesse miteinander verknüpft – besonders geeignet im Religionsunterricht, wo es um Deutung, Beziehung und Haltung geht.


1. Zielsetzung und Kompetenzen

Die Arbeit mit Standbildern fördert:

  • Ausdrucks- und Symbolkompetenz: Haltungen, Gefühle und Aussagen körperlich darstellen
  • Reflexionskompetenz: Deutungen entwickeln und diskutieren
  • Empathie und Perspektivübernahme: sich in Situationen oder Figuren hineinversetzen
  • Deutungskompetenz: religiöse Inhalte durch symbolische Formen erschließen
  • Kooperationsfähigkeit: gemeinsam Szenen entwerfen und darstellen
  • Achtsamkeit und Wahrnehmung: Körpersprache lesen und deuten

2. Didaktischer Mehrwert im Religionsunterricht

Die Methode eignet sich besonders, wenn:

  • biblische Geschichten oder Gleichnisse emotional erfahrbar gemacht werden sollen
  • ethisch-moralische Konflikte verkörpert und reflektiert werden sollen
  • Schüler:innen mit ganzem Körper und Geist ins Thema eintauchen sollen
  • ein Zugang gesucht wird, der sprachlich schwächere oder zurückhaltende Lernende einbezieht
  • Gefühle, Spannungen und Haltungen sichtbar gemacht und gedeutet werden sollen

3. Methodischer Ablauf

a) Einführung und Thema

Die Lehrkraft nennt einen Impuls, z. B.:

  • eine Szene („Die Versuchung Jesu in der Wüste“)
  • eine Haltung („Was heißt Hoffnung?“)
  • einen Konflikt („Zivilcourage oder Wegsehen?“)
  • ein Symbol („Versöhnung“)

b) Gruppenbildung und Entwicklung des Standbilds

Kleine Gruppen entwickeln in 5–10 Minuten ein Standbild. Dabei wird u. a. überlegt:

  • Wer steht wie zu wem?
  • Welche Haltungen, Abstände, Blickrichtungen drücken das Thema aus?
  • Welche Rolle übernimmt wer – aktiv, passiv, Beobachter:in?

Optional: Requisiten oder ein Satz als Hintergrund-Impuls

c) Präsentation

Die Gruppe zeigt das Standbild, bleibt einige Sekunden in völliger Bewegungslosigkeit. Die anderen beobachten, ohne zu unterbrechen.

d) Deutung und Reflexion

Nun folgt die zentrale Phase der Methode. Mögliche Fragen:

  • Was seht ihr?
  • Welche Gefühle, Beziehungen, Spannungen erkennt ihr?
  • Welche Botschaft könnte das Bild ausdrücken?
  • Wie lässt sich das mit biblischen Texten, Glaubensaussagen oder ethischen Fragen verknüpfen?

Optional: „Sprechen aus der Rolle“, Bild verändern („freeze and transform“), Szene weiterspielen


4. Praktische Hinweise zur Umsetzung

  • Vertrauensvolle Atmosphäre schaffen: klare Regeln, Respekt, Freiwilligkeit
  • Warming-up sinnvoll: z. B. Körperwahrnehmung, Gruppenübungen, „Gefühlsstandbilder“
  • Rollen flexibel gestalten: auch Beobachtende sind aktiv beteiligt
  • Reflexion nicht vergessen: das Standbild ist Impulsgeber, die Deutung ist der Lernprozess
  • Nicht auf „richtig“ oder „falsch“ bestehen: Deutungen sind vielfältig und individuell
  • Kombination mit Texten oder Musik möglich: z. B. Psalm, Lied, Zitat als Impulsgeber

5. Mögliche Themenfelder im Religionsunterricht

ThemaStandbild-Ideen
Biblische GeschichtenVerlorener Sohn – der Moment der Rückkehr
Schuld & VergebungDer erste Blick nach einer Entschuldigung
PassionJesu vor Pilatus – Schuld und Macht in Körpersprache
NächstenliebeWas passiert, wenn einer hilft – und andere zögern?
GerechtigkeitWas bedeutet es, wenn einer ausgeschlossen wird?
HoffnungWas sagt ein Körper aus, der hofft – oder aufgibt?
WeltreligionenKörperhaltungen des Gebets vergleichen und darstellen
FriedensethikZivilcourage, Verweigerung, Mitläufertum – wer steht wo?

6. Fazit

Das Standbild ist eine körperlich-symbolische Ausdrucksform, die im Religionsunterricht einen emotionalen, handlungsorientierten Zugang zu Themen wie Schuld, Glaube, Hoffnung oder Konflikt eröffnet. Sie macht unsichtbare Spannungen sichtbar, fördert Empathie und regt zur Deutung und Diskussion an. Für Lehrkräfte in Ausbildung ist sie eine vielfältig einsetzbare Methode, die kognitive, emotionale und soziale Lernprozesse auf besonders nachhaltige Weise miteinander verbindet.