Godly Play

Godly Play ist eine erzählpädagogische, religionsdidaktische Methode, die Kindern und Jugendlichen einen spielerisch-meditativen Zugang zu biblischen Geschichten und spirituellen Themen ermöglicht. Entwickelt wurde sie vom anglikanischen Theologen Jerome Berryman. Godly Play folgt der Überzeugung: Kinder sind bereits religiös ansprechbar – sie brauchen Raum, ihre spirituellen Fragen selbst zu entfalten.

Im Mittelpunkt steht nicht die Wissensvermittlung, sondern die Ermöglichung eines persönlichen Zugangs zur biblischen Botschaft – durch Erzählen, Staunen, Fragen, Spielen und Gestalten. Für angehende Lehrkräfte ist Godly Play eine Einladung, den Religionsunterricht als Raum der Erfahrung, Freiheit und Stille zu gestalten.


1. Zielsetzung und Kompetenzen

Godly Play fördert eine Vielzahl an Kompetenzen im Kontext religiöser Bildung:

  • Symbol- und Erzählkompetenz: Zugang zu biblischen Texten über Erleben und Deutung
  • Spirituelle Selbstbildung: Kinder entdecken eigene Fragen und Resonanzen
  • Kreativität und Ausdrucksfähigkeit
  • Förderung von Ruhe, Konzentration und Achtsamkeit
  • Religiöse Urteilskompetenz im Umgang mit Deutungsmöglichkeiten

Die Methode zielt auf ein nicht-direktives, prozessorientiertes Lernen, in dem Kinder zu theologischen Denkenden werden – ernst genommen in ihrer Lebenswelt und Ausdruckskraft.


2. Didaktischer Mehrwert im Religionsunterricht

Godly Play unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom klassischen Religionsunterricht:

  • Die Lehrkraft wird zur „Erzählerin“ oder zum „Türhüter“, nicht zur Wissensvermittlerin
  • Die Kinder dürfen mit offenen Fragen arbeiten – ohne Erwartung „richtiger Antworten“
  • Die Geschichten werden durch Sprache, Gegenstände und Rituale „verkörpert“
  • Stille, Spiel und Gestaltung erhalten Raum als eigene Lernform

Godly Play ist besonders geeignet für Themen wie:

  • Biblische Geschichten (z. B. Schöpfung, Exodus, Gleichnisse, Ostern)
  • Liturgie und Kirchenjahr
  • Symbolische Grundbegriffe (z. B. Versöhnung, Segen, Gemeinschaft)
  • Existenzielle Fragen (z. B. Leben und Tod, Gerechtigkeit, Vertrauen)

3. Methodischer Ablauf

Godly Play folgt einem klar ritualisierten Ablauf, der Sicherheit und Tiefe ermöglicht:

a) Ankommen / Türhüterrolle

Die Kinder werden persönlich begrüßt, dürfen innerlich zur Ruhe kommen. Sie betreten einen vorbereiteten, ästhetisch gestalteten Raum (Kreis, Boden, Materialien). Die Atmosphäre ist offen, ruhig und konzentriert.

b) Erzählung

Die Erzählperson erzählt eine biblische Geschichte mit einfachen Worten, unterstützt durch Figuren, Bodenbilder, Holzmaterialien oder Symbolobjekte. Die Sprache ist langsam, offen und bildhaft – die Erzählung wird nicht gelesen, sondern lebendig dargeboten.

c) Vertiefungsfragen („Wundert-Fragen“)

Nach der Erzählung stellen sich Fragen wie:

  • Was war dein liebster Teil?
  • Was war der wichtigste Teil?
  • Wo bist du in der Geschichte?
  • Könnte man etwas weglassen – und es wäre trotzdem dieselbe Geschichte?

Diese Fragen regen persönliche Deutung und theologisches Denken an – ohne Bewertung.

d) Kreative Reaktion

Die Kinder gestalten eine eigene Antwort: durch Malen, Bauen, Erzählen, Schreiben oder stilles Nachdenken. Wichtig: Es gibt kein „richtig“ – jede Deutung ist zulässig.

e) Abschluss und Segen

Am Ende wird gemeinsam aufgeräumt und ein Segensimpuls gegeben. So wird der Übergang zurück in den Alltag bewusst gestaltet.


4. Praktische Hinweise für die Umsetzung

  • Raumgestaltung bewusst wählen: Kreisform, ruhiger Ort, hochwertige Materialien
  • Rituale verlässlich einführen: Wiederkehrende Struktur schafft Sicherheit und Tiefe
  • Materialien mit Bedeutung einsetzen: Die „sprechenden Objekte“ sind elementarer Teil des Erzählprozesses
  • Nicht überinterpretieren: Die Deutung bleibt bei den Kindern – Lehrkräfte müssen Deutungsoffenheit aushalten können
  • Stille zulassen: Godly Play lebt von Pausen, bewusstem Sprechen, hörendem Zuhören
  • Inklusive Lernform: Die Methode eignet sich auch für heterogene, sprachlich schwache oder inklusive Lerngruppen

5. Einsatzmöglichkeiten im Religionsunterricht

ThemaGodly Play-Potenzial
SchöpfungserzählungStaunen, Verantwortung, Beziehung zu Natur
Abraham und SaraVertrauen, Aufbruch, Gottesverheißung
Gleichnisse JesuOffene Deutungsräume für Alltags- und Glaubenserfahrungen
KirchenjahrAdvent, Ostern, Pfingsten durch Symbole erfahrbar
PsalmworteEmotionen ausdrücken und deuten (z. B. Psalm 23)
Tod und HoffnungSensibler Umgang mit Trauer und Auferstehungssymbolik

6. Fazit

Godly Play ist eine tiefgründige, spirituell geöffnete Methode, die Kindern (und Lehrkräften) erlaubt, biblische Geschichten existentiell zu erschließen, statt sie nur „zu verstehen“. Sie fördert langsame, achtsame Bildungsprozesse, die Kopf, Herz und Hand ansprechen. Für Lehrkräfte in Ausbildung bietet Godly Play die Chance, religiösen Unterricht beziehungsorientiert, dialogisch und theologisch verantwortet zu gestalten – gerade in einer zunehmend religionssensiblen und divers geprägten Lernkultur.